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ERICH SEEBERG Meister Eckhart
II. Philosophische Grundbegriffe
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Und wieder schiebt sich bei Meister Eckhart der Analogie und Bildgedanke ein, der verhindert, daß Schöpfer und Geschöpf ineinander übergehen. Gott tritt in die Seelenburg per essentiam nudam, während er sich dem Intellekt unter der Hülle des Wahren und Vernünftigen, dem Willen unter dem Schleier des Guten naht [25].
Gott ist also bis auf seine Erscheinung in der Seelenburg primär und immer der "verborgene Gott". Und wenn der ungeschaffene "Sohn" das Bild Gottes in ganzer Vollwertigkeit ist, so ist der Mensch geschaffen, nicht als Bild, sondern zum Bild hin, und Gott hat ihn bekleidet nicht mit sich selbst, sondern nach sich selbst.
Wie Meister Eckhart sich wirklich die deiformitas der Seelenburg denkt, das zeigt sich darin, daß er auf das Wort des Lombarden verweist, der leugnet, daß in der Seele ein geschaffener Habitus sei, sondern daß die Seele von dem ungeschaffenen Heiligen Geist unmittelbar bewegt werde [26]. Hier zeigt sich die neue dynamistische Metaphysik gegenüber der alten Substanzmetaphysik. Im Grund will Eckhart von der schulmaß igen alten Habituslehre nichts wissen und ersetzt sie durch das der Erfahrung entsprechende unmittelbare Einwirken Gottes oder des Heiligen Geistes auf die Seele. Das zeigt, worauf es ihm ankommt. Er will die Verbindung aufzeigen zwischen der Seele als solcher, dem Äonenwesen, und zwischen der konkreten menschlichen Seele, wie sie nach dem Erleben des Frommen ist. Diese Verbindung wird - wieder neuplatonisch - ermöglicht durch den Seelenfunken und durch das unmittelbare Eingreifen Gottes oder Christi in die Seele.
So bringt Jesus, der in das "Kastell" eintritt, der Seele, die den Funken hat, die deiformitas [27]. Und doch, die Seele wäre nicht mehr Seele, wenn sie reiner Intellekt wäre, wie es Gott oder der Sohn allein ist; freilich ist die Seele als anima intellectiva ad imaginem dei und vom Geschlecht Gottes [28]. Es scheint mir sicher, daß hier Widersprüche und Sprünge im Gedankengang Meister Eckharts vorliegen, die eine getreue Interpretation nicht wegdeuten darf, die man aber auch nicht übertreiben sollte. Vieles wird verständlich, wenn man sich das Vorwiegen des neuplatonischen Emanationsdenkens vor der Anthropologie klar macht. Die entscheidende Stelle ist der Punkt, wo das Abstrakte in das Konkrete übergeht. Hier steigt die Lehre vom Seelenfunken empor, die in ganz neuplatonischer Weise in der geschaffenen Seele den ungeschaffenen Funken als letztes Feuer der Äonenherrlichkeit vorstellt. Und die Verbindung zwischen dem "Abstrakten" und dem "Konkreten" geschieht auch dadurch, daß die Seele als "Bild" der Trinität gedacht und so in der Analogie die Identität hergestellt wird [29].
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